Gibt es eine Abhängigkeit zwischen Bewusstsein und Verhalten?

Laut Searle ist das externe Verhalten kein Messwert für Bewusstsein und deshalb irrelevant für dessen Bestimmung. Intelligentes Verhalten sei ein epistemisches Kriterium, ein Kriterium der Wissenslehre und nicht ein ontologisches, der Seinslehre. Es braucht also zusätzlich Wissen zu den unterliegenden kausalen Strukturen der zu beurteilenden Verhaltensformen um einem System wirklich bewusstes Handeln zuzusprechen. Ohne das Wissen über diese Zusammenhänge sind von aussen betrachtet mentale Zustände unerkennbar. Dadurch lehnt Searle jegliche Aussagekraft des Turing-Tests ab. (Dresler, 2009, S. 54-55)

Die Kritiker sind aber der Ansicht, dass Verhalten unter entsprechenden Umständen ein logisches Kriterium für Bewusstsein ist. Es gäbe konzeptuelle Verbindungen zwischen dem Innenleben und dem Äusseren. Jegliche notwendige Verbindung zwischen mentalen Phänomenen und Verhalten als irrelevant zu diskreditieren sei deshalb unangemessen. Die Gegenseite gesteht aber trotzdem ein, dass das Bewerten des Verhaltens manchmal für mentale Phänomene weder notwendig noch hinreichend ist. (Dresler, 2009, S. 84-85)

4 thoughts on “Gibt es eine Abhängigkeit zwischen Bewusstsein und Verhalten?

  1. Schöner Beitrag.

    Dazu einige lose Gedanken:

    Ist es wirklich so, dass die mentalen Zustände von der Außenwelt, hier als Verhalten interpretiert, unabhängig sind oder nicht zu entschlüsseln sind? Hat die Umwelt über den Körper vielleicht doch Einfluss auf das Bewusstsein, wie Damasio in Descartes Irrtum darlegt?

    Komplementär dazu verhält sich m.E. eine Passage aus “Triumph des Bewusstseins. Die Evolution des menschlichen Geistes” von Merlin Donald:
    “Unsere neuronalen Modelle von dem Prozess, in dem eine Bedeutung in einer vorgegebenen Form abgebildet wird, beschreiben bestenfalls die Oberfläche des Ganzen. Wir wissen so gut wie nichts über die Einzelheiten der Vorgänge in den gewaltigen neuronalen Netzwerken, welche diese komplexen Spannungszustände erzeugen. Allerdings weist einiges darauf hin, dass Spannungszustände zwischen großen neuronalen Netzwerken Parallelen zu den jeweiligen Zuständen unseres semantischen Bewusstseins aufweisen. Das Bewusstsein initiiert und überwacht alle bedeutsamen symbolischen Operationen”.

    Zur Frage, ob die Seinslehre für die Frage von Bedeutung ist: Hier halte ich die Drei Schichten – Lehre von Nicolai Hartman, auf die sich u.a. auch Konrad Lorenz bezogen hat, für nachdenkenswert. Vor allem die folgende Passage:

    “Die älteren Theorien des Geistes haben alle gescheut, außergeistige Faktoren in den Aufbau der geistigen Welt aufzunehmen. Sie fürchteten damit dem Materialismus zu verfallen. Es gibt aber kein Grund zu dieser Besorgnis, wenn man nicht den Fehler macht, hier ein radikales Entweder-Oder aufzurichten, als müsste man mit gewissen organischen Komponenten gleich alles im Reich des Geistes vom Organismus abhängig werden. Es können sehr wohl außergeistige Momente höchst verschiedener Art hineinspielen, ohne dass das Geistesleben seine Eigenart und charakteristische Selbständigkeit verliert. (in: Neue Wege der Ontologie)”

    Viele Grüße

    Ralf Keuper

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    1. Danke vielmal für deine fundierten Gedanken Ralf. Die Punkte sind sehr interessant, aber ich bin nicht ganz sicher, ob ich alles richtig verstehe.
      Geht es auch etwas um die Argumentation, dass wir unser eigenes Bewusstsein als intrinsisch empfinden und es dadurch unabhängig von externen Beobachtern und deren Interpretation ist?
      Während dem andere physikalische Objekte, egal wie fortschrittlich oder ausgeklügelt, erst durch unsere Interpretation mentale Phänomene erbringen könnten. Oder wie John Searle es nennt, beobachterabhängig sind.

      Liebe Grüsse

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  2. Besten Dank Ramona für deine Antwort.

    Computer, Algorithmen, Verfahren der Künstlichen Intelligenz sind auf unser Zutun, sei es als Programmierer und/oder als Anwender, angewiesen. Sie sind also nicht in der Lage, völlig selbständig, selbstbewusst zu agieren. Von sich aus können sie keine mentalen Phänomen, wie du schreibst, erzeugen – bleiben also beobachterabhängig.

    Das menschliche Bewusstsein ist unabhängig von externen Beobachtern. Es steht für sich. Folgt daraus, dass jeder Versuch, einen Menschen zu verstehen, zum Scheitern verurteilt ist? Wie weit reicht die Fähigkeit des Menschen zur Selbsterkenntnis? Braucht es dazu nicht doch ein Gegenüber? Wie ist es mit Transzendenz?

    Für mich geht es nicht nur um die Frage, ob Computer oder Verfahren der Künstlichen Intelligenz in der Lage sind, menschliches Bewusstsein, oder überhaupt Bewusstsein zu erzeugen, sondern wie weit unser Bewusstsein überhaupt reicht. Können Computerprogramme die ganze Dimension menschlicher Existenz erfassen, wenn wir es schon selbst nicht wirklich können, jedenfalls nicht perfekt? Könnten Computer uns dabei helfen, uns selbst besser zu verstehen und vielleicht sogar zu verbessern – mit unserem Zutun? Wo verläuft die Grenze? Gibt es vielleicht noch einen Raum zwischen dem menschlichen Bewusstsein und externen Beobachtungsinstanzen, oder muss der Chinesische Raum vergrößert werden, obgleich das nicht mehr mit der Unabhängigkeit des menschlichen Bewusstseins zusammengeht (Dabei denke ich an den dualistischen Interaktionismus von Popper/Eccles).

    Hoffe, dass ich mit dieser Interpretation etwas näher am Kern des Problems liege. Beim mir dauert es für gewöhnlich immer etwas länger, bevor ich zum Kern vorstosse. Benötige einige Umwege – manchmal auch Irrwege. Daher bitte ich um Nachsicht 😉

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    1. Danke für den herausgearbeiteten Kern Ralf. Was bei dieser Thematik genau Um- bzw. Irrweg ist sehr wahrscheinlich subjektiv und hängt auch von den jeweiligen Werten und Zielen ab. Abkürzungen kämen bei der Komplexität auch nicht in Frage 😉

      Ich bin überzeugt, dass wenn richtig eingesetzt, die Computer uns bei der Verbesserung helfen können. Speziell da, wo unsere Sinne und Fähigkeiten nicht mehr hinreichend sind. (Verarbeitung und Auswertung riesiger Datenmengen, Früherkennung von Krankheiten und anderen schädlichen Einflüssen usw.)
      Aber ja, wie du richtig schreibst wir kennen selbst noch nicht den ganzen Ausmass unseres Bewusstseins. Ich selbst bin da sicher zu wenig Tief in der Materie aber meiner Meinung nach ist der Quervergleich zwischen Mensch und Maschine vielleicht auch nicht immer der richtige Ansatz. Die Programme in einen mit Menschen vergleichbaren Kontext zu rücken und in ihrem «Verhalten» Intentionen erkennen zu wollen, ist der Stoff, woraus dann erfolgreiche Hollywood-Filme gemacht sind.
      Trotzdem möchte ich gespannt verfolgen, was die Wissenschaft zukünftig noch alles entwickeln wird, sowohl bei der Erforschung des Gehirns als auch in den Computerwissenschaften und in ihren zahlreichen Überschneidungen. Dabei hoffe ich einen geschärften Blick entwickeln zu können. So wie in du und auch einige andere Kenner der Philosophie und Geisteswissenschaften schon haben. Es freut mich, wenn ich meine Interpretationen durch dieses Projekt hier mit anderen Ansichten bereichern kann.

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